Zeremonie

Das Interesse ist groß. Lokale als auch überregionale Medien lassen sich das Spektakel nicht entgehen und trotzen Wind und Wetter, um bloß nichts zu verpassen. 

Es erscheint der Zeremonienmeister mit zwei Pagen und reichlich Eiswett-Schnaps. Er kündigt an im schönsten Platt: „Een Snieder plietsch un kerngesund.“ Doch zunächst werden der ehrenwerte Präsident und das Präsidium begrüßt.

Es folgen die Novizen, die in diesem Jahr in die Eiswett-Gemeinschaft aufgenommen werden. Man beachte den feinen Unterschied: Das Präsidium trägt Zylinder auf dem Kopf, die Novizen Melonen. 

Und dann warten alle auf den Schneider, der den Ruf hat, immer zu spät zu kommen. 

Dann ist auch der Schneider da. Tatsächlich pünktlich. Und er spricht Schwitzerdütsch. Zumindest letzteres ist nicht so wirklich typisch bremisch, aber völlig ok. Seit 2015 hat die Eiswette einen neuen Schneider aus der Schweiz. Und der darf dann auch so sprechen. 

Ganz unabhängig von Sprache und Dialekt gilt: Tradition ist Tradition und da muss auch ein Schweizer Schneider mitziehen.
Gemäß den Statuten der Eiswette wird er zunächst gewogen – exakt 99 Pfund müssen es sein, nicht mehr und nicht weniger.
Das Gewicht stimmt. „Schweißer Präzisionsgewicht“, der Notarius Publicus kann es kaum glauben.

Nun muss der Medicus Publicus prüfen, ob das Bügeleisen auch wirklich heiß ist. Er weigert sich, aber wird schließlich von den Heiligen Drei Königen gepackt, pardon, „sanft geleitet von drei heiligen Geistern“ und unter lautem Protest zum Bügeleisen getragen, an dem er sich – ebenfalls traditionsgemäß – die Finger verbrennt.

Schließlich bleibt dem Präsidium nichts anderes mehr übrig, als selbst per "weit ausholendem Steinwurf" festzustellen, welchen Aggregatzustand die Weser denn nun hat.

Das Ergebnis ist eindeutig. Das heiße Bügeleisen in der Hand geht der Schneider Richtung Weser. Zugefroren ist sie ganz und gar nicht und so geht der Schneider an Bord von „Christian“, dem Tochterschiff des Seenotkreuzers „Hermann Rudolf Meyer“, und überquert trockenen Fußes die Weser.